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Wege psychisch Kranker in die EM-Rente und Rückkehrperspektiven aus der EM-Rente in Arbeit: Ansatzpunkte zu frühzeitiger Intervention in biografischen und krankheitsbezogenen Verlaufskurven (WEMRE)

Prof. Dr. Ernst von Kardorff, Humboldt-Universität zu Berlin

Hintergrund

Psychische Krankheiten sind mit 43% (2015) die häufigste Diagnose für einen erstmaligen Zugang in eine Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit. Bei psychisch Kranken zeigt sich vermehrt eine schleichende Krankheitsentwicklung, die häufig mit sozialem Abstieg, negativen Ereignissen im sozialen Umfeld, biografischen Abwärtsspiralen und sozialer Diskriminierung einhergeht. Objektiv lassen sich diese Entwicklungen u. a. an langen Arbeitsunfähigkeitszeiten, häufigen kündigungsbedingten Stellenwechseln, langem Krankengeldbezug sowie längerfristiger Erwerbsunfähigkeit ablesen. Die Beantragung einer EM-Rente stellt häufig den Endpunkt einer solchen Entwicklung dar. Nur etwa die Hälfte der wegen einer psychischen Krankheit vorzeitig Berenteten hat im Vorfeld der Berentung eine medizinische Rehabilitation in Anspruch genommen. Bislang sind die Ursachen für die mangelnde oder zu späte Inanspruchnahme von professionellen Hilfen sowie die Zeitpunkte, zu denen noch Interventionen möglich gewesen wären, kaum erforscht.

Untersuchungsziel

Ziel der beantragten Studie ist es daher, mögliche Interventionspunkte und geeignete Hilfeangebote zu identifizieren. Dazu werden biographische Verlaufskurven und deren Determinanten wie Arbeitssituation, Krankheitsverlauf, kritische Lebensereignisse rekonstruiert, um Entscheidungsschritte und -muster zu bestimmen, die in die EM-Rente geführt haben bzw. auf das weitere Erleben und Verhalten während der EM-Rente einwirken.

Hinsichtlich der Phase bis zur Bewilligung der EM-Rente werden insbesondere folgende Fragen untersucht:

  • Wie gestalten sich die individuellen biographischen Verläufe bis zur EM-Rente?
  • Welche subjektiven Theorien entwickeln Versicherte hinsichtlich der Bedingungsfaktoren, Schlüsselmomente sowie Wendepunkte, die zur gegenwärtigen Situation geführt haben
  • Wann wurden erste Krankheitszeichen wahrgenommen und welche Bewältigungsstrategien wurden gewählt? An welchem Punkt wurden die psychischen Probleme für andere sichtbar mit welchen Folgen für die berufliche und familiäre Situation?
  • Wurden ärztliche und/oder psychotherapeutische Hilfen oder Rehabilitationsleistungen in Anspruch genommen? Welche Empfehlungen erhielten die Versicherten?
  • Wie und zu welchem Zeitpunkt kam es zur Beantragung einer EM-Rente? Erfolgte die Erstbewilligung ohne Hindernisse oder erst nach Widerspruch?

Hinsichtlich der Phase nach Bewilligung der EM-Rente werden insbesondere folgende Fragen untersucht:

  • Was ändert sich für die Betroffenen mit der Bewilligung der EM-Rente? Zeigen sich Unterschiede zwischen befristeter und unbefristeter EM-Rente?
  • Wie verändert sich die familiäre Situation?
  • Wie schätzen EM-Rentner und EM-Rentnerinnen ihre Entscheidung im Nachhinein ein (Entlastung, Fehlentscheidung)?
  • Welche Motive und Erwartungen gibt es für eine mögliche Rückkehr auf den Arbeitsmarkt?
  • Welche Unterstützungsbedarfe zur Verbesserung bzw. Wiederherstellung ihrer Beschäftigungsfähigkeit hätten die EM-RentnerInnen sich während des EM-Rentenbezugs gewünscht?

Forschungsdesign und methodische Vorgehensweise

Das Projekt ist eine qualitative Studie mit zwei Teilbereichen. Im ersten Teil werden Versicherte mit bewilligter EM-Rente wegen einer psychischen Erkrankung (Diagnosen F 30-39, F 40-48) der DRV Bund, der DRV Berlin-Brandenburg sowie der DRV Westfalen nach bestimmten Merkmalen wie Alter, Geschlecht, befristete vs. unbefristete Rente ausgewählt und vom Rentenversicherungsträger ca. 4 bis 6 Wochen nach der Bewilligung angeschrieben. Die Rekrutierungsphase wird etwa 3 Monate dauern. Wenn die EM-RentnerInnen sich an der Studie beteiligen möchten, melden sie sich beim Projektteam und vereinbaren einen Interviewtermin. Eine schriftliche Einwilligungserklärung des Studienteilnehmers wird vorgelegt. Bei der Auswahl der Studienteilnehmer wird auf möglichst große Unterschiedlichkeit geachtet. Wie aus der Literatur bekannt, wird nach ca. 50 Interviews eine so genannte theoretische Sättigung erreicht, d.h. weitere Interviews erbringen keine neuen Aspekte.

Die Interviews sind autobiographisch-narrativ angelegt und ermöglichen den Interviewten so die eigene Gestaltung und Relevanzsetzung. Das erste Interview erfolgt ca. sechs Monate nach Bewilligung (t1). Darin werden nicht nur die Verläufe (Lebensgeschichte, Krankheitsverlauf, Berufsbiographie) rekonstruiert, sondern auch die Bewertungen und Eigentheorien der Probanden erfasst, so dass deren Perspektive auf die Abläufe, Wendepunkte und Schlüsselsituationen dargestellt werden kann. Das zweite Interview ist ein kürzeres Telefoninterview nach ca. einem Jahr (t2) und dient vor allem der Aufrechterhaltung des Kontaktes. Das dritte Interview erfolgt ca. 16 Monate nach der Bewilligung (t3) als Leitfadeninterview mit den thematischen Schwerpunkten gesundheitliche Veränderungen, Inanspruchnahme von gesundheitsfördernden Maßnahmen, subjektive Einschätzung der Leistungsfähigkeit sowie Rückkehr- und Zukunftserwartung.

Die Analyse der qualitativen Daten erfolgt in drei Schritten: (1) Einlesen der Transkripte in MaxQDA und Codierung im Sinne der Grounded Theory. (2) Sequenzanalytische Aus-wertung der biographischen Entwicklung. (3) Ermittlung von theoretisch abstrahierten fallübergreifenden Aussagen.

Der zweite Teilbereich des Projekts umfasst Experteninterviews mit Betriebsärzten, leitenden Ärzten des Sozialmedizinischen Dienstes der Bundesagentur für Arbeit sowie der DRV, Vertreter der Bundespsychotherapeutenkammer, der Bundesärztekammer, des IAB und Arbeitsmedizinern (ca. 10-15 Interviews). Themen sind unter anderem die Ermittlung von Barrieren und Hindernissen für eine rechtzeitige Identifikation von Hilfebedarfe sowie konkrete Ansatzpunkte für präventive Strategien und realisierbare Handlungsalternativen.
Die Experteninterviews werden themenzentriert inhaltsanalytisch ausgewertet. Anschließend werden die Ergebnisse der autobiographisch-narrativen Interviews und die der Experteninterviews systematisch aufeinander bezogen.

Verwertung

Psychische Erkrankungen verursachen insbesondere aufgrund von EM-Renten hohe Kosten. Die mit dieser Studie angestrebten praxisbezogenen Hinweise für präventive Maßnahmen und Interventionen könnten zu einer Senkung dieser Kosten beitragen.

Der bisherige Forschungsstand zu den biographischen Verlaufskurven bei psychisch Erkrankten ist unzureichend. Die geplante Studie kann diese Lücke schließen. Ein großer praktischer Nutzen wird u. a. darin gesehen, dass es mithilfe des Ansatzes der biographischen Perspektive möglich sein wird, konkrete Hinweise auf potenziell gefährdete Menschen im erwerbsfähigen Alter zu erhalten, Förderbedarfe vor und nach der Antragstellung festzustellen sowie praktische Hinweise auf betriebliche Präventionsangebote zu geben.