Deutsche Rentenversicherung

Hinweis zur Verwendung von Cookies

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Weitere Informationen zum Datenschutz erhalten Sie über den folgenden Link: Datenschutz

OK

  1. Startseite
  2. Das Konzept der Funktionalen Gesundheit als Instrument zur Prozessgestaltung und zur Weiterentwicklung beruflicher Teilhabe für Menschen mit Behinderung

Das Konzept der Funktionalen Gesundheit als Instrument zur Prozessgestaltung und zur Weiterentwicklung beruflicher Teilhabe für Menschen mit Behinderung

Stand 23.03.2011

Beschreibung der Ausgangssituation


Die ICF bzw. die Logik der funktionalen Gesundheit hat im Bereich des SGB XII in der Praxis noch weitgehend keinen Eingang gefunden. Darüber hinaus bietet die ICF für den Bereich der beruflichen Teilhabe nur rudimentär Hilfestellung bzw. Items i.S. der Klassifikation an.


Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) befinden sich seit geraumer Zeit in mehreren Spannungsfeldern: Sie sind einerseits bedeutende Orte für Menschen mit Behinderung im Hinblick auf berufliche Teilhabe, stellen jedoch andererseits aus Sicht der Reha-Träger zugleich einen erheblichen Kostenfaktor dar. Allein in Baden-Württemberg wurden 2009 für Leistungen in Werkstätten für behinderte Menschen 465 Mill. Euro aufgewendet (nur Leistungen nach SGB XII). Ein weiteres Spannungsfeld ergibt sich aus dem Doppelauftrag der WfbM: einerseits sollen sie Menschen mit Behinderung fördern (nach § 4 SGB IX sind u.a. die Teilhabe am Arbeitsleben entsprechend den Neigungen und Fähigkeiten dauerhaft zu sichern, die persönliche Entwicklung ganzheitlich zu fördern und die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft sowie eine möglichst selbständige und selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen oder zu erleichtern) und andererseits ein vertretbares wirtschaftliches Ergebnis erzielen.


Hinzu kommt, dass eine für alle WfbM einheitliche, standardisierte Arbeitsmethodik nicht anzutreffen ist; je nach Träger und Konzeption kommen unterschiedliche Ansätze zum Tragen. Das reicht von den Lebens- und Arbeitsgemeinschaften anthroposophischer Prägung bis zu Betrieben, die sich z.B. stark als Zulieferer der Industrie betätigen und mehr das wirtschaftliche Ergebnis in den Vordergrund stellen.


Politisch sehen sich WfbM einem Legitimationsdruck ausgesetzt, da die Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt fast nicht erfolgt: Jährlich gelingt nur bei weniger als 1% der Werkstattbeschäftigten ein Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Dementsprechend sind im Rahmen der Weiterentwicklung der Eingliederungshilfe Veränderungen vorgesehen, die von den Werkstätten eine passgenaue Arbeitsweise fordern und die auch in der Folge deren Finanzierungsstrukturen berühren.


Zu guter letzt sei die durch die Behindertenrechtskonvention angestoßene Inklusionsdebatte erwähnt, die den WfbM eine neue Ausrichtung abverlangt. Denn deren Definition von Behinderung: „dass Behinderung aus der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren entsteht, die sie an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern, ...“ nötigt auch den WfbM eine Neupositionierung ihrer Rolle im Geschehen der beruflichen Teilhabe ab. Schließlich sind auch die WfbM als Strukturelement der beruflichen Teilhabe vom demografischen Wandel tangiert; Fachkräftemangel und möglicherweise Finanzierungsengpässe in den sozialen Sicherungssystemen machen vor den WfbM nicht halt.

Projektplanung


Vor der beschriebenen Ausgangssituation setzt das Projekt an, bei dem es sich um ein Kooperationsprojekt handelt. Die Partner sind die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) WfbM Baden-Württemberg und die Fachhochschule Nordwestschweiz.


Die LAG WfbM ist der Zusammenschluss von über 70 baden-württembergischen Trägern von Werkstätten für behinderte Menschen und sieben Spitzenverbänden der freien Wohlfahrtspflege. Die LAG WfbM Baden-Württemberg ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein. Sie repräsentiert rund 250 Haupt- und Zweigwerkstätten mit ca. 29.000 Arbeitsplätzen für geistig, körperlich und psychisch behinderte Menschen.


Ca. 20 WfbM aus Baden-Württemberg haben bereits Interesse am Projekt bekundet, darüber hinaus eine WfbM aus Bayern und eine aus Vorarlberg. Der Start des Projekts ist für 2011 vorgesehen; die Dauer ist auf 2 bis maximal 3 Jahre angelegt mit wissenschaftlicher Begleitung und Evaluierung. Das Projekt versteht sich als Beitrag zur Qualitätssicherung von WfbM.


Als Lernende wollen wir in diesem Projekt danach fragen, wie es den WfbM gelingen kann,

  • die Kompetenzen von Menschen mit Behinderungen stärker in den Blick zu nehmen und dies auf gleicher Augenhöhe i.S. eines Aushandlungsprozesses,
  • die Bedarfsfeststellung präziser vorzunehmen,
  • Arbeitsangebote der WfbM stärker zu diversifizieren und neue Betätigungsfelder für Menschen mit Behinderung zu identifizieren
  • ganz im Sinne der ICF Engpässe zu identifizieren, aber auch Förderfaktoren.


Im Mittelpunkt steht dabei die Umsetzung des der ICF zugrunde liegenden Konzepts der Funktionalen Gesundheit mit dem Ziel, kompetente Teilhabe zu ermöglichen. WfbM werden insofern vom Selbstverständnis her eher Gestalter von kompetenter Teilhabe im „Auftrag“ der Menschen mit Behinderung (Support-Funktion). Die ICF-Klassifikation spielt insofern eine untergeordnete Rolle.

Das Projekt gliedert sich in drei Phasen:
Projektphase 1
Wir wollen die Angebote beruflicher Teilhabe und die individuelle berufliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen erfassen, bewerten und vergleichen (Ist-Situation). Dies beinhaltet u.a. die Fragestellungen:

  • Wie sind die Handlungskonzepte und die aktuellen Prozessgestaltungssysteme in den einzelnen WfbM beschaffen?
  • Wie sehen die bestehenden Teilhabemöglichkeiten in den am Projekt beteiligten WfbM aus, inwieweit stellen sie Partizipation sicher?
  • (Lern)Ziel ist in dieser Phase auch das Erstellen und die Reflexion eines Konzepts kompetenter Teilhabe für die jeweilige WfbM.


Projektphase 2
Wir wollen den quantitativen Bedarf an Angeboten und Leistungen erfassen und in Bezug setzen zu den bestehenden Ist-Situationen als auch die erforderliche Weiterentwicklung der professionellen Angebote erkennbar werden lassen. Das bedeutet u.a.

  • die Erfassung des subjektbezogenen Bedarfs zur kompetenten Teilhabe in einer WfbM
  • die Evaluation und den Vergleich des subjektbezogenen Teilhabebedarfs in Bezug auf die professionellen, teilhabebezogenen Dienstleistungsangebote der WfbM.


Projektphase 3
Hierbei geht es um die Gesamtevaluation des Projekts und die Publikation der Ergebnisse bzw. den Informationstransfer zu den Akteuren wie z.B. den Leistungsträgern.


Ziel: Was soll verbessert oder erreicht werden?


Ziel ist die Implementierung und Weiterentwicklung von Instrumenten, Indikatoren und Arbeitsmethodiken auf der Grundlage des Konzepts der Funktionalen Gesundheit. Bestehende und vor Ort angewendete Methoden erfahren dadurch eine neue Verortung. Wir gehen davon aus, dass durch das Projekt die WfbM mittelfristig in die Lage versetzt werden, belastbarere Daten für die Bedarfsfeststellung, die
Hilfeplanung und die Begleitdokumentation bereit zu stellen und zwar in Bezug auf die Ausgangslage der Menschen mit Behinderung als auch in Bezug auf die Leistungen der WfbM hinsichtlich beruflicher Teilhabe. Es sollte zukünftig leichter möglich sein, die erreichten Veränderungen mit den erbrachten Leistungen in Relation zu setzen. Dadurch erhoffen wir uns zugleich mehr Transparenz gegenüber den Leistungsträgern zu erzielen und die Dienstleistungen stärker am "Kunden" auszurichten.


Albrecht Hegener, Der Paritätische, LV Baden-Württemberg, Stuttgart

Gerd Wielsch, Neckartalwerkstätten (WfbM), Caritasverband, Stuttgart